Was bedeutet "New Journalism"?Neuer Journalismus erblüht in Blogs und Online-Medien02.09.2009 Wilhelm Ruprecht Frieling
In deutschsprachigen Blogs und Online-Veröffentlichungen erlebt der „Neue Journalismus" derzeit eine Renaissance.
Aus der literarischen Tradition der „Beat Generation” wuchs mit der Hippie-Bewegung das Bestreben engagierter Schreiber, neue journalistische Formen auszuprobieren, die unmittelbarere Ausdrucksformen gestatteten und den Leser stärker zu fesseln vermochten. Diese „New Journalism“ genannte Kunstform begründete der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe. Truman Capote, Norman Mailer, Gay Talese und Hunter S. Thompson sind weitere weltberühmte Vertreter des Stils. „Neuer Journalismus“ wurde von Tom Wolfe begründetTom Wolfe begründete die besondere Art des Reportierens, als er mit E. W. Johnson 1973 eine Anthologie unter dem Titel „The New Journalism" herausgab und den Begriff in einem einleitenden Essay umfangreich erläuterte. „Erzählung statt Wiedergabe, Intuition statt Analyse, Menschen statt Dinge, Stil statt Statistik“ lautet zusammengefasst die Philosophie des „New Journalism“. Wolfe versammelte in der Anthologie 23 literarische Meisterwerke von Truman Capote, Norman Mailer, Hunter S. Thompson und Joe McGinniss. Mit von der Partie sind auch Autoren wie Rex Reed, Michael Herr, Joan Didion, Joe Eszterhas und Terry Southern. Subjektiv geprägter ReportagestilWesensmerkmal des „Neuen Journalismus“ ist ein extrem subjektiv geprägter Reportagestil, der gern Randfiguren zu Hauptdarstellern macht und Themen aus einem völlig unerwarteten Gesichtswinkel beleuchtet. In seiner Geschichte „Frank Sinatra ist erkältet” versucht beispielsweise Gay Talese, wochenlang an den bekannten Sänger heranzukommen, was aber immer wieder daran scheitert, dass Sinatra tatsächlich erkältet oder einfach schlecht gelaunt ist. Stattdessen erfährt der Leser Erstaunliches über Freunde und Umfeld von Sinatra und seinem Milieu. Hunter S. Thompson und der „Gonzo-Journalismus“Ähnlich arbeitete Hunter S. Thompson, der erklärte Anarchist des „New Journalism“. Er nannte seine Form des Schreibens „Gonzo-Journalismus“, wobei das Adjektiv „gonzo“ für bizarr, verrückt, hemmungslos und schräg steht. Monatelang lebte er unter „Hells Angels“, um ein Buch über sie zu schreiben. HST ging stets voll in seinem Thema auf, er nahm Recherche wichtig und versuchte, mit dem jeweiligen Milieu eins zu werden. Zum Symbol wählte Thompson die Gonzo-Faust, eine zur Faust geballte Hand mit zwei nach innen zeigenden Daumen, die eine Peyote-Kaktee halten. Capote schuf den „Tatsachenroman“Truman Capote verzichtete bewusst auf die üblichen Reporterutensilien wie Tonband oder Diktiergerät, er nutzte nicht einmal Stift und Papier bei seinen Interviews. Der Autor setzte lediglich sein Hirn als Speichermedium ein, weil er der Überzeugung war, nur so eine natürliche Beziehung zwischen den Interviewpartnern (dem nervösen Kolibri und dem Vogelfänger, wie er es nannte) herstellen zu können. Der am 30. September 1924 in New Orleans geborene Autor erlangte durch sein 1958 veröffentlichtes Werk „Frühstück bei Tiffany“ nicht zuletzt dank der Verfilmung mit Audrey Hepburn große Berühmtheit. Capote schuf 1965 mit seinem Welterfolg „Kaltblütig“, der exakten Aufarbeitung eines blutigen Mordes an einer Farmerfamilie, sogar eine neues Genre: den Tatsachenroman. Dynamische Sprache bindet den Leser einZu den bevorzugten Mitteln des New Journalism zählen das Spiel mit Neologismen und Lautmalereien, eine farbbetonte Sprache, aber auch der szenische Aufbau und die vollständige Wiedergabe von Dialogen. Durch rasches Umschalten zwischen verschiedenen Figuren erreichten die Reporter zudem eine erzählerische Dynamik, die im Kopf des Lesers einen Film ablaufen lässt und ihn emotional einbindet. Die Stossrichtung des neuen Journalismus zielte darauf ab, den vorherrschenden blutarmen Faktenjournalismus zu überwinden. Der „New Journalist“ sah sich nicht als objektive Instanz, sondern als persönlich Beteiligter, der die Ereignisse so erzählen wollte, wie er sie gesehen hatte – mit allen subjektiven Eindrücken. Authentizität und Glaubwürdigkeit galten dabei als wichtige Bezugsgrößen und als Maßstab für die Qualität der Texte. „The reader knows all this actually happened“, schreibt Wolfe im Vorwort seines Sammelbandes. Blogs und Online-Veröffentlichungen pflegen den „New Journalism“Die Vorgabe, sich mit Fakten und nicht mit Fiktionen zu beschäftigen war ein grundlegendes Prinzip des „New Journalism“. Literatur sollte auf das Fundament der harten Recherche gestellt werden, um so jene Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen, die sie durch den Rückzug ins rein Fiktionale verloren habe. Darum ist es kein Wunder, wenn sich im deutschsprachigen Raum immer mehr Blogger und Online-Autoren die Freiheit ihrer Medien nutzen und sich in dem Genre üben. Tom Wolfe, der 1987 mit „Fegefeuer der Eitelkeiten“ seinen ersten Roman veröffentlichte, vertrat die Ansicht, dass zum Schreiben eines Romans 65 Prozent Recherchearbeit und nur 35 Prozent Talent und Sprachbeherrschung vonnöten sei. Im deutschen Sprachraum erlebt der „Neue Journalismus“ derzeit eine Renaissance in Blogs und Online-Veröffentlichungen. Beispielsweise versucht der Internet-Buchverlag, an die Traditionen des „New Journalism“ anzuknüpfen.
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